Einleitung


Was ist überhaupt eine empirische Fragestellung?

Wenn Sie diese Zeilen lesen, haben Sie sich – aller Voraussicht – für das Studium der Psychologie entschieden. Eine Einordnung der Psychologie im Raum der Wissenschaften ist nicht ganz einfach, wurde vielfach versucht und unterliegt einem historischen Wandel. Als Grenzwissenschaft zwischen Naturwissenschaft, Geisteswissenschaft und empirischer Sozialwissenschaft hat die Psychologie vielfältige Teilgebiete und Aspekte. Dies macht sie unter anderem so interessant.

Bevor wir uns der Arbeit mit SPSS (Statistical Programm for the Social Sciences) widmen, wollen wir kurz klären, was man unter einer empirischen Fragestellung versteht. Wann benötigt man also durch Erfahrung (mittels Beobachtungen, Experimente, Fragebögen, etc.) gewonnene Daten, um ein bestimmtes Phänomen bzw. Problem erklären zu können? Welche Natur muss unser Problem haben, von welcher Art muss es sein, damit wir versuchen können, es empirisch zu beantworten? Diese Fragen erhalten im Verlauf des Studiums kaum eine explizite Betrachtung. Daher möchten wir an dieser Stelle kurz darauf eingehen. Betrachten wir zunächst in Anlehnung an Chalmers (2007) ein paar Beispiele:

  1. 20 + x = 31
  2. Xetroyadid hat eine hohe Dichte.
  3. Im nächsten Jahr steigt der Aktienkurs von Toyota um 7 Prozent an.
  4. Haben Männer ein besseres räumliches Orientierungsvermögen?
  5. Wie hoch ist die Quote der BaföG-Empfänger an deutschen Hochschulen?
  6. Alle Elefanten sind grau.
  7. Sind Essstörungen ein geschlechtsspezifisches Problem?

Beispiel (1) fragt nach der Größe von x. Offensichtlich bedarf diese (mathematische) Fragestellung keiner empirischen Beantwortung. Jeder, der über elementare Rechenkenntnisse verfügt, findet die richtige Lösung x = 11. Ähnlich ist es mit vielen weniger elementaren mathematischen Fragestellungen. Probleme der Mathematik (und Logik) bedürfen in der Regel keiner empirischen Antwort.

Aussage (2) sieht zunächst so aus, als könnte man sie wissenschaftlich beantworten, denn die Dichte-bestimmung in der Physik ist ein Routinevorgang. Allerdings muss man dazu wissen, was die „Xetroyadid“ sein sollen. Es handelt sich um eine Wortschöpfung der Autoren. Das Wort Xetroyadid bezieht sich auf keinen physikalisch fassbaren Gegenstand der Realität. Gegenstände, Phänomene, Probleme, welche wir empirisch untersuchen müssen (meist) bekannt und (zumindest vorläufig im Sinne einer Arbeitsdefinition) definiert sein.

Die Untersuchung des räumlichen Orientierungsvermögen ist in der Tat eine empirische Fragestellung. Ohne Rückgriff auf Erfahrung können wir diese Frage nicht beantworten. Wir könnten also Männern und Frauen eine Orientierungsaufgabe stellen, etwa das Finden des Ausgangs in einem (virtuellen) Labyrinth, oder einfach die Orientierung in einer fremden Stadt. Wenn Frauen statistisch signifikant häufiger in Sackgassen landen oder später am Ziel ankommen als Männer, so haben wir einen Beleg für unsere Vermutung gefunden, dass Männer ein besseres räumliches Orientierungsvermögen besitzen.

Zur Beantwortung von Frage (5) könnte man die Gesamtheit aller Studenten (also die ganze Population) befragen, oder eine repräsentative Stichprobe untersuchen. In diesem Fall würde allerdings auch ein Nachfragen beim Statistischen Bundesamt reichen.

Die Aussage (6) spielt auf Karl Poppers berühmtes Beispiel „Alle Schwäne sind weiß“ an, anhand dessen seine Position des Falsifikationismus verdeutlicht wird. In einer extrem verkürzten Darstellung bedeutet dies, dass wir Theorien nur durch empirische Gegenbeispiele widerlegen können (etwa einen schwarzen Schwan) und nicht beweisen, weil wir nur weiße Schwäne vorfinden. Philosophisch Interessierte finden eine ausführliche Thematisierung dieses Problems in Poppers Klassiker der Wissenschaftstheorie “Logik der Forschung“ (Popper, 1935).

Auch Frage (7) bedarf zu ihrer Beantwortung der Empirie, beispielsweise der Auswertung von Krankenkassendaten.

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